Zwei Grad weniger als im Durchschnitt, dann sind alle Gasspeicher im April leer
Laut einem Prognosetool des Branchenverbands der Gaswirtschaft DVGW könnten – abhängig vom weiteren Wetterverlauf – im April alle deutschen Gasspeicher endgültig leer sein. Tatsächlich dürfte es vorher zu massiven Einschnitten kommen.
Wenn die mittleren Temperaturen in Deutschland in den kommenden Monaten nur um wenige Grad sinken, dann ist nicht nur von einem Gasmangel, sondern von einem echten Engpass auszugehen. Das ergibt sich aus einem Modell, das der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW), der Branchenverband der Gas- und Wasserwirtschaft in Deutschland, auf seiner Webseite zur Verfügung stellt.
Konkret lässt sich folgendes Szenario berechnen: Sollten die Temperaturen in diesem Februar dem Mittel der Jahre 2018 bis 2022 entsprechen, im März und April aber wiederum bundesweit um zwei Grad Celsius (beziehungsweise 2,0 Kelvin) kälter ausfallen als in dieser fünfjährigen Vergleichsperiode, würde die Gesamtheit der deutschen Gasspeicher Ende April statistisch völlig leerlaufen – konkret am 28. April.
Die wirtschaftlichen Probleme und Versorgungsausfälle würden allerdings viel früher beginnen. Wenn absehbar ist, dass nicht genügend Gas zur Verfügung stehen könnte, würden die Preise am Terminmarkt erheblich ansteigen. Industrieunternehmen sähen sich dann aus marktlichen Gründen gezwungen, ihre Produktion zu drosseln oder ganz einzustellen.
Schalten die Firmen nicht freiwillig ab, könnte nach Feststellung der Notfallstufe durch die Bundesregierung die Bundesnetzagentur tätig werden. Dann würde die Produktion behördlich untersagt, um Privathaushalten, Krankenhäusern und anderen geschützten Verbrauchern möglichst lange eine gesicherte Versorgung zu ermöglichen.
Doch schon lange vor dem rechnerischen Nullpunkt würden einzelne Speicher leerlaufen. Schon lange bevor ein Speicher einen rechnerischen Füllstand von null Prozent erreicht, reduziert sich seine Ausspeiseleistung – je nach Art des Erdgasspeichers in unterschiedlichem Ausmaß. Eine vollständige Entleerung ist also technisch anspruchsvoll.
Der DVGW weist in der Beschreibung seines Modells außerdem darauf hin, dass regionale Gegebenheiten und die einzelnen Speicherstandorte nicht berücksichtigt werden. Demnach „kann nicht ausgeschlossen werden, dass in einzelnen Regionen Gas kurzfristig nicht in der gewünschten Höhe zur Verfügung steht, obwohl ausreichende Gasmengen in den Speichern und im Netz verfügbar wären.“
Denn Gas muss, ähnlich wie Strom, durch Leitungen an seinen Bestimmungsort gebracht werden. Die Erdgasimporte Deutschlands kommen aber hauptsächlich aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien sowie über die LNG-Terminals im Meer und damit in Norddeutschland an.
Ein Großteil des Verbrauchs findet aber in Süddeutschland statt. Deswegen sollten die bayerischen Speicher – Baden-Württemberg hält keine wesentlichen Kapazitäten vor – eigentlich besonders hohe Füllstände aufweisen. Das Ziel von 40 Prozent Auslastung zum 1. Februar haben die meisten von ihnen aber deutlich verfehlt (mehr dazu hier). Das Bundeswirtschaftsministerium hingegen vertritt die Ansicht, die Füllstände einzelner Gasspeicher seien nicht relevant (Apollo News berichtete).
Der Berechnung beim DVGW liegt ein Modell zugrunde, das Durchschnittstemperaturen mit dem Gasverbrauch der Vergangenheit verbindet. Durch die Eingabe von Temperaturerwartungen kann dann der künftige Gasverbrauch geschätzt werden. Außerdem werden Annahmen zu Verbrauchsverhalten und (Netto-)Gasimporten getroffen.
So erwartet der DVGW im Februar tägliche Erdgasimporte von 2.060 Gigawattstunden (GWh), im März 2.360 GWh und im April 2.410 GWh. Das entspricht einer eher konservativen Schätzung des Zustroms. In den letzten Wochen kam oft mehr Gas in Deutschland an, das nicht in andere Nachbarländer weitergeleitet wurde. Als temperaturbereinigter Verbrauch wird standardmäßig der tagesspezifische Verbrauch des Vorjahres angenommen.
Geht man im obigen Temperaturszenario von einem um nur fünf Prozent erhöhten Verbrauch aus, so wird ein Gesamtfüllstand von null Prozent schon für den 3. April vorhergesagt. Doch selbst in einem Szenario mit moderaten Temperaturen wie im letzten Jahr und ohne temperaturbereinigte Steigerung werden die Füllstände der Gasspeicher massiv absinken: Der Tiefstand von acht Prozent könnte dann am 8. April erreicht werden. 70 Prozent des derzeit noch eingespeicherten Erdgases würden in den kommenden zwei Monaten verbraucht werden. Einen relevanten Puffer gibt es in diesem Jahr schlichtweg nicht.
Die Niederlande sind derweil als zweites EU-Land nach Kroatien in Sachen Gasspeicherfüllstand landesweit unter die Marke von 20 Prozent gefallen. Dort war die Ausspeicherung mit 0,66 Prozent der Kapazität laut Gas Infrastruktur Europa am Sonntag anteilig fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Das westliche Nachbarland ist für die Versorgung Deutschlands von großer Bedeutung.
Nur aus Norwegen kommt derzeit mehr Gas in die Bundesrepublik als aus den Niederlanden. Dort wird nicht nur in substanziellem Umfang Erdgas gefördert: Das Königreich ist auch ein Transitland für LNG-Lieferungen, die unter anderem in Rotterdam ankommen und dann über das Gasnetz zum Teil nach Deutschland weitergeleitet werden. Sollten die Reserven in dem Land aufgebraucht sein, könnte der Nachschub nach Deutschland reduziert werden. Kann weniger Gas importiert werden, fallen die Speicherstände bei sonst gleichen Bedingungen noch schneller ab.