Ein Ausblick auf den Erdgasmarkt bei einer Blockade der Straße von Hormus ist noch alarmierender als beim Öl. Während der Ölmarkt zumindest über gewisse strategische Reserven und alternative Pipelines verfügt, wäre die Situation beim Gas (konkret: Flüssiggas/LNG) extrem kritisch.
Hier sind die entscheidenden Faktoren:
1. Das "Katar-Problem" (Der Elefant im Raum)
Das absolut entscheidende Land in diesem Szenario ist Katar.
- Katar ist einer der weltweit größten Exporteure von Flüssiggas (LNG).
- Nahezu der gesamte Export Katars wird per Schiff durch die Straße von Hormus transportiert.
- Im Gegensatz zu Saudi-Arabien (Öl) gibt es für das Gas aus Katar keine nennenswerten Pipelines, die die Straße von Hormus umgehen, um das Gas nach Europa oder Asien zu bringen.
2. Die Mengenverhältnisse
- Etwa 20 % des weltweiten LNG-Handels laufen durch die Straße von Hormus.
- Zwar exportieren auch die Vereinigten Arabischen Emirate etwas Gas, aber Katar dominiert diese Route fast vollständig.
- Fällt diese Route weg, verschwindet schlagartig ein Fünftel des global verfügbaren Flüssiggases vom Markt. Das ist eine Lücke, die kurzfristig durch niemanden (auch nicht durch die USA oder Australien) geschlossen werden kann.
3. Die Folgen für Europa (und Deutschland)
Für Europa ist dieses Szenario seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine deutlich gefährlicher geworden:
- Abhängigkeit: Da Europa kaum noch russisches Pipeline-Gas bezieht, hat es sich massiv auf LNG ausgerichtet, um die Speicher zu füllen und die Industrie zu versorgen. Katar ist ein zentraler Lieferant für diese Strategie.
- Verteilungskampf: Wenn 20 % des Angebots wegfallen, bricht ein brutaler Preiskampf ("Bidding War") zwischen Europa und Asien (Japan, Südkorea, China) aus. Die Schiffe aus den USA würden an den Meistbietenden verkauft werden.
4. Die Preisreaktion
Während der Ölpreis "nur" steigen würde, würde der Gaspreis wahrscheinlich explodieren.
- Gas ist infrastrukturell unflexibler als Öl. Man kann Gas nicht einfach in jeden Tanker füllen und überall abladen; man braucht Verflüssigungs- und Regasifizierungsanlagen.
- Ein Ausfall der Hormus-Route würde die Energiepreise in Europa auf ein Niveau treiben, das die Höchststände der Energiekrise 2022 wahrscheinlich noch übertreffen würde.
Fazit zum Erdgas
Eine Blockade der Straße von Hormus wäre für den Gasmarkt eine Katastrophe ohne kurzfristige Lösung. Es gibt keine "OPEC für Gas", die mal eben den Hahn aufdrehen kann, und keine Pipelines, die die Mengen aus Katar umleiten könnten. Für die Weltwirtschaft, insbesondere für die europäische Industrie, wäre dies das "Worst-Case-Szenario".