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Original von Tensor
Banken-Vertrauenskrise in Europa, wie im Drehbuch. Als ob man beabsichtige, mittels einer plötzlich in der breiteren Öffentlichkeit bekannt werdenden Krise, deren offizielle Ursachen (Hypotheken-Desaster) schon vor vielen Monaten sichtbar waren, ad hoc ein kurzfristiges Dollar-Stärke-Fenster für die Umschichtung von Derivaten zu öffnen, dem dann ein noch bittereres Dollar-Desaster folgen könnte. Was meint Ihr dazu ?
Ist ein naheliegender Gedanke. Einerseits. Und sicher ist es wahr, daß (wahrscheinlich noch nicht ganze) Wahrheit schon viel länger einer "kleineren Öffentlichkeit" bekannt gewesen ist.
Andererseits
- wurde der Noch-Nicht-Dollar-Absturz von David Petch Mitte Juli schon aus den Charts vorhergesagt: http://www.gold-eagle.com/editorials_05/petch071507.html
- waren alle vor Kurzem noch DERART negativ für den Dollar, da konnte er schon nicht mehr weiter fallen.
Das heißt, außer Marttechnik und Sentiment braucht man keine weiteren Annahmen zu machen, um den aktuellen Dollar"aufschwung" zu erklären.
Ich finde es ist immer ein schmaler Grat,
- etwas "großes absichtlich dahinter Gemachtes" bei Marktbewegungen zu vermuten, und damit möglicherweise der Gefahr von Verschwörungstheorien zu erliegen, oder
- "nur" Akteure anzunehmen, die an ihrem Platz zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Umständen versuchen, für sich so gewinnbringend und rational wie möglich zu handeln. Dabei wird sicherlich jeder Beteiligte den Spielraum seiner Möglichkeiten maximal nutzen - und sei es PR nutzbringend zu timen.
Probleme in einer Industrie werden doch immer erst dann breit öffentlich gemacht oder zugegeben, wenn sie nicht mehr zu übersehen sind. Siehe auch AKW-Pannen etc. Die, die über die Information von innen verfügen, wären ja auch bescheuert, wenn sie die öffentliche Meinung gegen sich aufbringen würden, erst recht, wenn das zu einer selbst erfüllenden Prophezeihung werden kann - oder kannst Du Dir vorstellen daß es für eine Bank Sinn macht zu sagen "wir könnten Probleme mit XY kriegen", auf daß die Anleger ihr Geld genau aus dem kritischen Bereich abziehen, und das Problem verstärken?
Dann würde ich weiter fragen:
WER sollte es denn sein, der absichtlich ein Dollar-Fenster zur Aufwertung öffnen will?
- Die Amerikaner vielleicht, daß sie noch ein wenig länger in der Welt halbwegs billig shoppen gehen können? Möglich.
- Alle Zentralbanken zusammen, damit das System nicht kippt? Möglich.
- Oder ist das ein fieser Trick der Amerikaner, die den Euro damit zur parallelen Abwertung zwingen, damit es wenigstens keinem besser geht?
Motive der Akteure gibt es en masse, und wer mit wem eine Allianz aus welchem Grund eingeht kann man sich lange ausdenken. Aber diese Theorien machen sehr viele Vorannahmen, das ist ihr Manko.
Was zählt ist der Markt.
Und die einfachste und deshalb zu bevorzugende Theorie (von denen die ich kenne) ist die, daß die Abwertung der Reservewährung alle anderen Währungen zu "kompetitiven Abwertung", also in einen Abwertungswettlauf zwingen werde, aufgrund der Wettbewerbsnachteile für den einer starken Währung im globalen Markt. Das gilt zumindest für die Phase der "noch kontrollierten" Dollarabwertung; beim Währungsszusammenbruch gilt das nicht mehr. Wie auch immer sich das im Einzelnen vollziehen mag.
Das Phänomen haben die "Großen Alten" z.B. Richard Russell, auch Harry Schultz glaube ich, und viele Andere schon seit Jahren vorhergesagt. Genau gesagt auch, daß es aus ökonomischen Zwängen begründet sein würde; die Annahme von Manipulation ist ihnen nicht notwendig.
Aber, Du scheinst kein Theoretiker (im negativen, polemischen Sinn) zu sein. In diesem Sinne - herzlichen Glückwunsch zu Deinem pragmatischen Versicherungshandeln. 
GL