Auszug:
Dieses Jahr kippt die Kapitalgüterbilanzmit China ins Minus. Deutschland, das Land der Werkzeugmaschinen und Präzisionsanlagen, importiert plötzlich mehr Industrieausrüstung aus China, als es dorthin liefert. Die Hidden Champions des Mittelstands, die vor fünf Jahren in Shanghai noch ihre besten Kunden hatten, stehen heute chinesischen Anbietern gegenüber, die dreißig, vierzig, manchmal fünfzig Prozent billiger anbieten.
Als Nächstes trifft die Welle die Chemie.
Die drittgrößte Industrie Deutschlands. Rund fünfhunderttausend Arbeitsplätze. Zehn Prozent des verarbeitenden Gewerbes. Die Preise für Grund- und Spezialchemikalien fallen, weil China seine Überkapazitäten aus dem Immobiliencrash auf den Weltmarkt drückt. BASF nimmt Anlagen vom Netz. Covestro rutscht in die roten Zahlen. Lanxess spricht von existenzbedrohlichem Preisdruck. Der Verband der Chemischen Industrie warnt offen vor einem Kollaps.
Und überall greift dasselbe Muster.
Chinas Exporte steigen. Europas Produktion fällt. Die Auslastung sinkt. Investitionen werden gestrichen. Arbeitsplätze lösen sich auf.
Und so bohrt sich der China-Schock durch jeden Kernsektor Europas. Nicht als einzelne Krise, sondern als Kaskade. Eine Welle, die nicht stoppt, weil niemand sie aufhält.
Und genau an dieser Stelle trifft Europa ein neuer Faktor. Die US-Zölle.
Seit Februar belegen die USA unter Trump 2.0 chinesische Importe mit Aufschlägen von bis zu 50 Prozent. China lenkt den Überschuss einfach um. Nicht nach Mexiko, nicht nach Vietnam. Direkt nach Europa. Direkt nach Deutschland.
Im zweiten Quartal stiegen die deutschen Importe aus China um 8,7 Prozent. Mehr als doppelt so stark wie das weltweite Wachstum. In 2.241 Produktgruppen sprang das Volumen um mindestens 10 Prozent. In mehr als 1.500 davon sanken die Importe in die USA gleichzeitig ab, wie das IW im Auftrag des Auswärtigen Amt ermittelt hat. Die Preise fallen um bis zu 24 Prozent, während die Mengen explodieren. Das ist keine Marktbewegung. Das ist Umlenkung.
Und genau hier landet die Welle. Sie trifft jene Branchen, die bereits wanken, und sie trifft sie mit voller Wucht.
Bei Hybridautos steigt das deutsche Importvolumen um 130 bis 183 Prozent. Gleichzeitig melden die USA im selben Zeitraum einen Einbruch um 98 Prozent. Die Ströme wandern, und Europa steht am Ende dieser Pipeline.
Auch bei Lithiumionenakkus und Batteriekomponenten zeigt sich das gleiche Muster. Das Volumen steigt, die Preise fallen, und die europäische Green-Tech wird weiter an den Rand gedrückt.
In der Maschinen- und Elektroausrüstung wird das Bild noch deutlicher. Über neunhundert Produktgruppen sind betroffen. In mehr als der Hälfte zeigt sich eine saubere Überlappung mit jenen Bereichen, die die USA seit Februar abschirmen. Die mittelständischen Weltmarktführeren in Deutschland sehen sich plötzlich Anbietern gegenüber, die dreißig, vierzig oder fünfzig Prozent günstiger liefern und jede Kalkulation zerreißen.
Und schließlich die Chemie. Grundstoffe überschwemmen den europäischen Markt, drücken die Preise und ziehen der Branche den Boden unter den Füßen weg.
So wirkt die Umlenkung. Was Washington abwehrt, rollt nach Europa. Der Kontinent wird zum Auffangbecken der chinesischen Überproduktion, und die Folgen sind absehbar. Mehr Konkurrenz, niedrigere Preise, weniger Auslastung, gestrichene Investitionen und immer mehr Betriebe, die in die Stille kippen.
Chinas Modell zieht Europa in einen Abwärtspfad
Goldman Sachs hat die Auswirkungen dieser Politik für die nächsten Jahre betrachtet. Die chinesische Wirtschaft wird in den nächsten Jahren zwischen 3,8 und 4,8 Prozent wachsen. Dieses Wachstum wird fast vollständig von Exporten getragen. Xi baut ein Modell, das auf Selbstversorgung und Außenüberschüsse setzt. Ein Modell, das keine Nachfrage aus Europa erzeugt.
Für den Rest der Welt bedeutet die realen Verluste. Goldman Sachs berechnet einen globalen Verdrängungseffekt. China gewinnt Wachstum durch Exporte. Alle anderen verlieren. Und dieser Verlust fällt nirgends so stark aus wie in Deutschland. Die Projektion zeigt es deutlich. Von 2026 bis 2029 verliert Deutschland jedes Jahr rund 0,25 Prozent Wachstum, allein aufgrund chinesischer Konkurrenz. Der kumulierte Schaden beläuft sich auf etwa einem Prozent des BIP. Italien folgt knapp dahinter. Die Länder Mittel- und Osteuropas ebenso. Die USA verlieren weniger. Indien profitiert sogar leicht. Es ist ein asymmetrischer Schock, der vor allem exportorientierte Volkswirtschaften trifft.