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ZitatAlles anzeigenDer Kern des Finanzsystems schmilzt
von Wolfgang Münchau
Die Anzeichen für eine katastrophale Entwicklung der globalen Kreditkrise mehren sich. In den vergangenen Tagen haben wir einen guten Einblick bekommen, wie eine Kernschmelze im globalen Finanzsystem aussehen könnte.
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Es waren bislang nur Einzelfälle, die uns bekannt geworden sind, etwa der des Hedge-Fonds Peloton Partners oder der Investmentgesellschaft Carlyle Capital und vielleicht eine Handvoll andere.
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Der Kredithebel ist der Antrieb für jede Blase der Finanzgeschichte. Wenn man immer nur mit dem eigenen Vermögen spekuliert hätte, dann wäre es nie zu den extremen Blasenbewegungen gekommen. Und da insbesondere die Kreditblase letztendlich darauf beruhte, Kredite in bislang nicht bekannter Größenordnung zu vergeben, ist diese Blase besonders groß.
Die Prozesse, die während der Blasenentwicklung am Werk waren, wirken nun in umgekehrter Form während des Abschwungs. Das ist nicht irrational, wie einige Banker oder Finanzvolkswirte behaupten, sondern eine völlig normale Gegenreaktion. Die Banken verlangen jetzt höhere Sicherheiten, die einige dieser Investoren nicht mehr aufbringen können.
Wachsender Druck auf Investmentfirmen
Hier sind zwei Prozesse am Werk, die diesen Teufelskreis beschleunigen. Der erste ergibt sich direkt durch die geringere Bewertung der Investitionen.
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Der zweite Effekt besteht darin, dass die Banken entweder die Zinsen erhöhen oder dass sie von den Hedge-Fonds verlangen, ihre Eigenkapitalquoten zu erhöhen. Im Englischen spricht man von einem "Haircut". Fonds leihen sich das Geld in der Regel nicht über einen normalen Kredit, sondern über einen "Repo". Dabei kauft die Bank die Sicherheiten und kauft sie später mit einem Abschlag zurück. Bei einem Haircut wird dieser Abschlag erhöht.
Was wir momentan erleben, nennt man im Englischen "Haircut Contagion", also eine Verseuchung des Systems durch die von den Banken verlangte Erhöhung der Eigenkapitalmargen, die die Hedge-Fonds und andere Investitionsgesellschaften unter erheblichen Druck bringt. Die Situation ist aus Sicht der Banken verständlich. Die Banken stehen alle unter hohem Druck, ihre Risiken abzubauen. Die Neubewertung der eigenen Investitionen in dazu eingerichteten Zweckgesellschaften stand dabei zunächst im Vordergrund. Jetzt kommt die große Bereinigung im Kreditgeschäft.
Notenbanker am Rande der Verzweiflung
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Viele Beobachter haben fest damit gerechnet, dass die Hedge-Fonds die Krise auslösen würden, dass sie sich mit ihren überhebelten Krediten die Luft abwürgen.
Doch genau das passierte nicht anfangs, sondern es geschieht jetzt mit einiger Verspätung. Es sieht jetzt wirklich so aus, als würde die Kreditkrise ihre volle prognostizierte Wucht entfalten. Wahrscheinlich wird noch die eine oder andere Bank über die Klinge springen - in dieser Woche gab es einige haarsträubende Gerüchte über eine amerikanische Großbank. Die Fälle Peloton and Carlyle sind keine Einzelfälle.
Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete in dieser Woche, dass ihr mindestens sechs Hedge-Fonds mit einem Vermögen von 5,4 Mrd. $ bekannt sind, die Zwangsverkäufe tätigen mussten, weil ihre Banken die Zinsen oder die Haircuts erhöhten. Wir können getrost davon ausgehen, dass es sich hier nur um die Spitze eines Eisbergs handelt.
Zurzeit bricht eine Panik aus, die selbst hartgesottene Notenbanker wie den Chef der New Yorker Federal Reserve, Tim Geithner, an den Rand der Verzweiflung bringt. Wie Paul Krugman in dieser Woche in seinem Blog bei der "New York Times" bemerkte, nimmt Geithner mittlerweile kein Blatt mehr vor den Mund. Krugman bemerkte aber ebenfalls, dass die Fed angesichts dieser Bedrohung hilflos wirkt.
Auswirkungen auf die Weltkonjunktur
Ich beschäftige mich mit diesem Thema schon seit einiger Zeit - lange, bevor diese Krise zu einer Krise wurde. Fast alles, was wir damals befürchteten, ist mittlerweile eingetreten. Die Krise der Hedge-Fonds war eines der noch fehlenden Stücke in diesem Puzzle. Ich erwarte ebenfalls noch katastrophale Ausfälle im Bereich der Credit Default Swaps - Finanzinstrumente, mit denen sich Banken und Investoren gegen Risiken absichern.
Die Tatsache, dass alles eingetreten ist, was wir erwartet haben, bedeutet nur leider nicht, dass die Krise bald vorbei ist. Es bedeutet eher das Gegenteil, nämlich, dass die Krise jetzt erst so richtig beginnt. Wenn wir Glück haben, ist der Spuk im Jahr 2009 vorüber. Im anderen Extremfall zerschmilzt das globale Finanzsystem - ein Extremereignis, das uns noch viele Jahre belasten würde und das die Globalisierung möglicherweise um ein ganzes Jahrzehnt zurückwerfen wird.
In jedem Fall wird diese Krise erhebliche Auswirkungen auf die Weltkonjunktur haben, auch auf das scheinbar so resistente Deutschland und seine europäischen Nachbarn.
Aus der FTD vom 12.03.2008
Da will ich nur eins ergänzen, so sieht "Haircut Contagion" an den Kreditmärkten (aber auch im weiteren Sinne an der Börse) dann aus, wie schrieb Bill Bonner vor Monaten - "die Hölle ist eingefroren".
Ein doppelt schönes Bild, - nicht nur wegen der Wahrscheinlichkeit, sondern auch wegen der Veranschaulichung der einem nun übrig bleibenden "Freiheitsgrade":