Teil 2
Auf lange Sicht sollte man erwägen, Frankreich und Großbritannien ihres Nuklearwaffenarsenals zu entheben: Indem sie einen Krieg gegen Russland entfesseln, werden sie das moralische und politische Recht auf dessen Besitz verlieren. Die Eliten dieser Länder sowie andere Europäer, insbesondere die Deutschen, sollten sich bewusst sein, dass sie zu legitimen Zielen für Präventivschläge werden, wenn sie sich Nuklearwaffen oder deren Ausbau annähern.
Europa – mit seiner Geschichte voller Kriege, Aggressionen, Völkermorde, Rassismus, Kolonialismus und seiner gegenwärtigen Leugnung normaler menschlicher Moralvorstellungen, des Glaubens an Gott (und an Gott im Menschen) –, das erneut einen Krieg gegen Russland anzettelt, sollte wissen: Es hat kein Recht auf solche Waffen.
Selbst während der Regierungszeit von US-Präsident Joe Biden nahmen die USA die von Russland ausgehenden Signale wahr und erkannten, dass die Fortsetzung des Krieges in der Ukraine das Risiko einer nuklearen Eskalation birgt (Angriffe auf US-Stützpunkte in Europa und sogar auf die USA selbst eingeschlossen). Nun versuchen die USA, sich aus dem Konflikt zurückzuziehen. US-Präsident Donald Trump bietet scheinbar friedliche Lösungen an; diese sind einen Versuch wert, um der Welt eine Chance zu geben, die durch den langen Krieg verursachten Wunden zu heilen und dem Tod unserer heldenhaften Kämpfer ein Ende zu setzen.
Man kann zwar versuchen, eine in begrenztem Umfang wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA aufzubauen, soweit dies offensichtlich vorteilhaft und verlässlich ist – aber ohne die Illusion, dass dies den Frieden fördern könnte. Entgegen den Mythen naiver Marxisten und ihrer intellektuellen Gesinnungsgenossen, den liberalen Ökonomen, spielen wirtschaftliche Interessen bei der Festlegung der nationalen Politik nur eine untergeordnete Rolle. In ernsthaften Konfrontationen, insbesondere im Krieg, treten sie zwangsläufig hinter geopolitische, militärstrategische und sogar ideologische Erwägungen zurück. Zumal die USA von einer anhaltenden Konfrontation in Europa wirtschaftlich profitieren: Die USA verkaufen Waffen, berauben ihre gemästeten Verbündeten und locken ihnen Industrie-, Finanz- und Humankapital ab.
Trumps Friedensvorschläge zielen nicht auf einen dauerhaften Frieden ab. Stellen wir uns einmal vor, was mein Interesse als US-Präsident wäre: Es liegt auf der Hand, dass ich daran interessiert wäre, einen schwelenden Konflikt aufrechtzuerhalten, der Russland schwächt und es von seiner inneren Entwicklung und von Groß-Eurasien (insbesondere China) ablenkt. Denn die de facto bestehende Allianz zwischen Russland und China bildet bereits ein dominantes Machtzentrum in der Welt. Ich würde auch die noch vorhandenen prowestlichen und proeuropäischen Tendenzen in der russischen Elite und Gesellschaft ausnutzen, um zu verhindern, dass Russland zu einem in intellektueller, geistiger und wirtschaftlicher Hinsicht souveränen Land mit einer Schlüsselrolle auf diesem sich entwickelnden Superkontinent wird.
Dieser Artikel dient nicht dazu, konkrete politische Maßnahmen hinsichtlich des Konflikts mit Europa und dem Westen in der Ukraine vorzuschlagen. Ich beschränke mich auf Ratschläge, deren Umsetzung meiner Meinung nach notwendig und längst überfällig ist. Wir können es uns nicht leisten, uns in einen endlosen Konflikt zu verstricken, der mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt vergleichbar, aber noch schlimmer wäre. Unsere Fehler der Vergangenheit müssen schnell korrigiert werden, und zwar durch eine drastische Verstärkung der nuklearen Abschreckung gegenüber Europa. Seine Eliten müssen nicht nur in Schach gehalten, sondern eingeschüchtert werden. Derzeit erwecken sie nur den Anschein, uns zu fürchten, um ihre Militärmacht aufzubauen. Aber sie müssen tatsächlich Angst vor uns haben. Wir müssen sie in Schrecken versetzen. Sie müssen verstehen, dass eine Eskalation oder sogar Fortsetzung des Konflikts ihre unmittelbare physische Vernichtung riskiert und dass eine militärische Aufrüstung sinnlos ist, da sie eine zerstörerische nukleare Reaktion nach sich ziehen würde.
Unsere bisherige Zurückhaltung beim Einsatz von Nuklearwaffen hat sich als kontraproduktiv erwiesen und spielt denjenigen in die Hände, die militaristische Hysterie und Russophobie schüren und sich auf einen Krieg vorbereiten.
Zurückhaltung bedeutet gleichzeitig, dass wir als Großmacht unserer Verantwortung nicht nachkommen, eskalierende Konflikte zu verhindern, die zu einem Dritten Weltkrieg führen könnten und das Ende der heutigen menschlichen Zivilisation bedeuten würden. Unsere Vorsicht grenzt mittlerweile an Verantwortungslosigkeit.
Unsere Militärdoktrin sollte dahingehend geändert werden, dass sie den Einsatz von Nuklearwaffen bereits dann vorsieht, wenn ein Krieg von einem Gegner mit großem wirtschaftlichem und bevölkerungsmäßigem Potenzial ausgelöst wird. Es ist längst an der Zeit – zumindest auf Expertenebene –, von der in der Ära Gorbatschow-Reagan vertretenen Ansicht abzurücken, dass "es in einem Nuklearkrieg keinen Sieger geben kann." Diese widerspricht jeglicher militärischen Logik und hat unter anderem zum heißen Krieg der NATO gegen Russland geführt.
Selbstverständlich plädiere ich nicht für einen Nuklearkrieg. Selbst wenn er siegreich wäre, wäre er eine große Sünde. Aber man muss vollständig darauf vorbereitet sein, um zu verhindern, dass Untätigkeit und Unentschlossenheit den Weg für ein "Verbrechen" ebnen – nämlich die Fortsetzung der das Land und das Volk erschöpfenden Militäraktion, die zu einer weltweiten thermonuklearen Katastrophe eskalieren könnte. Es wäre nicht nur eine unverzeihliche Sünde, sondern vor allem auch ein fataler Fehler.
Echte Multipolarität
Selbst dann, wenn es uns gelingt, Europa strategisch zu besiegen, bleibt der größte Teil davon weiterhin von Stagnation, Ungleichheit und sozialen Spannungen geprägt und wird somit in eine rechts- und linksgerichtete Form des Faschismus abgleiten. Der Zerfall der EU und der Austritt der USA werden die Europäer wieder in ihre historische Rolle als Verursacher von Kriegen, Instabilität und anderen Katastrophen zurückversetzen. Glücklicherweise werden sie jedoch nicht mehr in der Lage sein, Kolonialismus zu betreiben, da sie in der Neuen Welt nicht mehr über die dafür erforderlichen Kräfte verfügen werden. Die Ukraine war hoffentlich ihr letzter Versuch, neues Territorium zu erobern.
Unabhängig davon, wie sich die Lage entwickelt, wird in den kommenden Jahrzehnten eine selektive Isolation von Europa unvermeidlich sein. Die Handelsbeziehungen könnten unter Umständen zwar teilweise wiederhergestellt werden, jedoch ohne die zuvor bestehenden Erwartungen. Wir sollten indes unter keinen Umständen nachgeben, was die Forderung (auch aus unserem eigenen Land) betrifft, die Diskussion über ein europäisches Sicherheitssystem wieder aufzunehmen. Ich wiederhole noch einmal einen unangenehmen Gedanken, den ich bereits in früheren Artikeln geäußert habe: Die anhaltende Fokussierung auf Europa ist heute ein Zeichen intellektueller Begrenztheit und sogar moralischer Unreinheit. Jedes System der Sicherheit und Entwicklung ist nur im Rahmen eines Großraums Eurasien vorstellbar.
Die Situation in den USA ist schwieriger vorherzusagen. Dieses Land ist von einer Art "europäischer Krankheit" befallen. Gleichzeitig verfügt es jedoch über eine starke Widerstandsfähigkeit, die sich in der sogenannten "Make America Great Again"-Bewegung (MAGA) und in gewissem Maße auch in der Innenpolitik von US-Präsident Trump manifestiert. Die USA haben ihr Bildungs- und Wissenschaftspotenzial bewahrt, das sie zum Teil aus Europa abziehen. Auch wenn die USA, wie oben erwähnt, begonnen haben, auf ihre Hegemonie zu verzichten, versuchen sie dennoch, die Regionen, aus denen sie sich zurückziehen, zu destabilisieren, und hegen neoimperiale Ambitionen. Und diese Ambitionen werden immer deutlicher und gefährlicher.
Die USA bleiben ein gefährlicher Gegner der Welt und Russlands. Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben.
Daher sollten wir die Politik der Abschreckung fortsetzen, gegebenenfalls auch durch die Stärkung der nuklearen Komponente. Alle Diskussionen nach weiteren Abrüstungen im Bereich der Nuklearwaffen, einschließlich strategischer, widersprechen jeglicher Vernunft. Offenbar arbeiten die USA mit Hochdruck an der Entwicklung nationaler Raketenabwehr- und U-Boot-Abwehrsysteme. Das erklärt ihr Bestreben, Grönland zu besetzen und damit die Abschreckungsfähigkeit Russlands zu schwächen.
Das Hauptmotiv dieser ablehnenden Haltung gegen Nuklearwaffen ist Pazifismus, der zwar gut nachvollziehbar, jedoch kontraproduktiv ist. Auch die mit der Herstellung konventioneller Waffen verbundenen Kreise der Rüstungsindustrie und ausländische Mächte, die den noch bestehenden Vorsprung in den Bereichen Wissenschaft, Technik und Wirtschaft in politische Vorteile umwandeln wollen, tragen dazu bei: Denn Nuklearwaffen machen ein konventionelles Wettrüsten sinnlos und neutralisieren damit die Überlegenheit des Westens.
Die partielle wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den USA wäre von Vorteil, jedoch sollte man sich auch hier keine Illusionen machen. Denn diese ehemalige Weltmacht versucht, die Stabilität in den Regionen zu untergraben, aus denen sie sich zurückzieht. Sie schürt heimlich Spannungen rund um Taiwan, im Nahen Osten, in Zentralasien, Transkaukasien und Europa. Sie instrumentalisiert ihre wirtschaftlichen Beziehungen in einem historisch beispiellosen Ausmaß, um Druck auszuüben und Krieg zu führen (selbst wenn sie von einer Waffenruhe spricht). Das Land ist daran interessiert, die Beziehungen zu Russland teilweise wiederherzustellen, jedoch nur, um damit unser Bündnis mit China zu schwächen. Dieses Interesse sollten wir zwar nutzen, da die Diversifizierung der wirtschaftlichen Beziehungen von Vorteil ist; allerdings ist dabei große Vorsicht geboten, um die Beziehungen zu Peking nicht zu beeinträchtigen.
Teil 3 folgt