KI:
Die kurze Antwort vorab: Ja, auch bei ETFs können Handel und Auszahlungen ausgesetzt werden. Allerdings sind die Gründe, die Dauer und die Wahrscheinlichkeit dafür fundamental anders als bei offenen Immobilienfonds.
Um das zu verstehen, müssen wir uns ansehen, wie ETFs funktionieren, worin sich physische und synthetische unterscheiden und was in einem extremen Mega-Crash passieren würde.
Hier ist die detaillierte Aufschlüsselung:
1. Warum Immobilienfonds schließen vs. Warum ETFs schließen könnten
Immobilienfonds frieren Gelder ein, weil eine Diskrepanz in der Liquidität besteht (sog. Liquidity Mismatch). Anleger wollen ihr Geld täglich abziehen, aber der Fonds kann ein Hochhaus nicht an einem Tag verkaufen. Wenn die Barreserven leer sind, muss der Fonds schließen.
ETFs investieren in börsengehandelte Papiere (Aktien, Anleihen). Diese sind hochliquide. Ein ETF (z.B. auf den MSCI World) wird nur dann vom Handel ausgesetzt, wenn der zugrundeliegende Markt nicht mehr funktioniert oder geschlossen ist.
Beispiel: Als 2022 der Krieg in der Ukraine ausbrach und die Moskauer Börse schloss, konnten ETFs auf russische Aktien nicht mehr gehandelt werden. Sie wurden eingefroren und später liquidiert. Wenn man die Aktien im ETF nicht mehr kaufen oder verkaufen kann, kann auch der ETF nicht mehr bepreist und gehandelt werden.
2. Physisch vs. Synthetisch im Mega-Crash
In einem hypothetischen Mega-Crash (schlimmer als 2008 oder Corona) gibt es tatsächlich feine, aber wichtige Unterschiede zwischen den beiden Replikationsmethoden:
A. Physische ETFs (halten die echten Aktien/Anleihen)
- Risiko: Der zugrundeliegende Markt bricht zusammen oder friert ein.
- Wertpapierleihe: Viele physische ETFs verleihen Aktien an Leerverkäufer, um Zusatzrenditen zu generieren. Wenn im Mega-Crash die Leiher (oft Hedgefonds oder Banken) pleitegehen, entsteht ein Verlustrisiko. Allerdings müssen diese Leihen immer mit Sicherheiten (Collateral) überbesichert sein (meist 105% oder mehr).
- Auszusetzungs-Szenario: Handel stoppt nur, wenn die Börsen, an denen die echten Aktien gehandelt werden, dichtmachen (z.B. New York Stock Exchange zieht den Stecker).
B. Synthetische ETFs (Swap-ETFs)
- Wie sie funktionieren: Der ETF hält einen Korb an irgendwelchen liquiden Werten (z.B. japanische Staatsanleihen) und schließt einen Tauschvertrag (Swap) mit einer Investmentbank (dem Kontrahenten) ab. Die Bank garantiert dem ETF die Rendite des Ziel-Index (z.B. S&P 500).
- Das Kontrahentenrisiko: Im Mega-Crash (Lehman-Brothers-Szenario 2.0) könnte die Investmentbank, die den Swap garantiert, pleitegehen.
- Sicherungsmechanismen (UCITS-Richtlinie): In Europa darf das Risiko gegenüber einem Swap-Partner maximal 10% des Fondsvermögens betragen. In der Praxis wird der Swap heute meist täglich glattgestellt ("Daily Reset") und überbesichert, sodass das tatsächliche Risiko oft bei nahe 0% liegt.
- Auszusetzungs-Szenario: Wenn der Swap-Partner im Mega-Crash pleitegeht, hat der ETF zwar noch das Trägerportfolio (die Sicherheiten), muss aber schnellstens einen neuen Swap-Partner finden oder die Sicherheiten am Markt verkaufen. In diesem Chaos könnte der ETF vorübergehend vom Handel ausgesetzt werden, bis die Verträge neu geordnet oder der ETF liquidiert ist.
3. Was passiert im hypothetischen Mega-Crash (Schlimmer als 2008/Corona)?
Wenn wir uns ein Szenario vorstellen, in dem das globale Finanzsystem am Abgrund steht, betrifft das dich als ETF-Anleger auf drei Ebenen:
Stufe 1: Explodierende Spreads (Geld-Brief-Spanne)
Bevor ein ETF vom Handel ausgesetzt wird, wird es extrem teuer, ihn zu verkaufen. Die "Market Maker" (die Akteure, die Kurse für ETFs stellen) können in der Panik die Aktienmärkte nicht mehr richtig einschätzen. Um sich selbst zu schützen, weiten sie die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis extrem aus. Dein ETF steht im Depot vielleicht bei 100€, aber du kannst ihn in diesem Moment nur für 85€ verkaufen.
Stufe 2: Circuit Breakers (Automatische Handelsstopps)
Börsen haben automatische Sicherungen eingebaut. Wenn der US-Markt (S&P 500) z.B. um 7%, 13% und 20% an einem Tag fällt, wird der Handel für 15 Minuten oder den ganzen Rest des Tages komplett gestoppt. In dieser Zeit sind auch Auszahlungen/Verkäufe deiner US-ETFs ausgesetzt. Dies passierte im März 2020 (Corona) mehrmals. Es ist aber nur ein temporärer Stopp zur Beruhigung.
Stufe 3: Kompletter Systemkollaps (Das "Was wäre wenn..."-Szenario)
Wenn die gesamte Infrastruktur zusammenbricht – Banken gehen massenhaft pleite, das Clearing-System (die Abwicklung von Wertpapiergeschäften) funktioniert nicht mehr –, dann würden Börsen weltweit auf unbestimmte Zeit geschlossen.
In diesem Moment: Ja, du kämst nicht an dein Geld im ETF.
Fazit: Wie groß ist das Risiko für dich?
ETFs auf breite Indizes (wie MSCI World, FTSE All-World) gehören zu den liquidesten Finanzinstrumenten der Welt.
- Der Vergleich mit Immobilien: Ein Immobilienfonds kann in einer normalen Wirtschaftsphase schließen, nur weil die Anleger kalte Füße bekommen und alle gleichzeitig an die Kasse drängen (Bank Run).
- Die Sicherheit von ETFs: Ein weltweiter Aktien-ETF schließt nur dann, wenn die globalen Börsen schließen.
Sollte es zu einem Mega-Crash kommen, bei dem der Handel mit einem MSCI World ETF für Wochen oder Monate ausgesetzt wird, bedeutet das, dass das globale kapitalistische System auf unbestimmte Zeit eingefroren ist. In einem solchen Szenario (Zusammenbruch des Fiat-Geldsystems, Ausfall der globalen Banken-IT, Weltkrieg) hättest du auch keinen Zugriff mehr auf dein Bankkonto und Bargeld würde rapide an Wert verlieren. Der ETF als Sachwert (Anteile an den größten Unternehmen der Welt) wäre nach der Krise vermutlich sogar sicherer als das Geld auf dem Konto.